KI-Boom mit Nebenwirkungen: Nvidia und Cloudflare

Nvidia steckt $40 Mrd. in KI-Firmen, die seine Chips kaufen. Cloudflare entlässt 20% und nennt KI als Grund. Zwei Schattenseiten des Booms.

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Zwei Meldungen aus dieser Woche, die auf den ersten Blick nichts miteinander zu tun haben. Nvidia hat 2026 über 40 Milliarden Dollar in KI-Unternehmen investiert. Cloudflare hat 1.100 Stellen gestrichen und KI als Begründung genannt. In beiden Fällen lohnt sich ein zweiter Blick.

Nvidia: Der Chip-Hersteller, der seine Kunden finanziert

Nvidia hat in den ersten Monaten 2026 über 40 Milliarden Dollar in Eigenkapitalbeteiligungen an KI-Unternehmen gesteckt. Allein 30 Milliarden davon gingen an OpenAI. Dazu kommen Investments in börsennotierte Unternehmen wie Corning (bis zu 3,2 Milliarden) und den Rechenzentrum-Betreiber IREN (bis zu 2,1 Milliarden) sowie rund zwei Dutzend Startup-Beteiligungen.

Das Muster ist auffällig: Nvidia investiert in Unternehmen, die Nvidia-Hardware kaufen. Wedbush-Analyst Matthew Bryson nennt die Deals "zirkulär", sieht aber auch Potenzial für einen Wettbewerbsvorteil, wenn die Strategie aufgeht.

Zirkulär ist höflich formuliert. Nvidia verkauft GPUs an Unternehmen, an denen es beteiligt ist, und zählt diese Verkäufe als Umsatz. Die investierten Unternehmen zählen die GPUs als Assets und die Partnerschaft als Vertrauensbeweis. Alle Kennzahlen steigen, ohne dass ein einziger Dollar von einem externen Kunden kommt.

Das ist kein neues Modell. Intel Capital hat in den 2000er-Jahren ähnlich gearbeitet: in Unternehmen investieren, die Intel-Chips kaufen, das Ökosystem stärken. Es hat funktioniert, solange der Markt wuchs. Als das Wachstum stockte, blieben Beteiligungen übrig, die ohne Intels Geld nie tragfähig gewesen wären.

Für Unternehmen, die gerade KI-Infrastruktur beschaffen, ist das relevant: Wenn ein Teil der GPU-Nachfrage durch zirkuläre Investments getrieben ist, könnte der Markt weniger robust sein, als die Bestellbücher suggerieren.

Cloudflare: 1.100 Stellen weg, KI als Begründung

Cloudflare hat diese Woche 20 Prozent der Belegschaft abgebaut. 1.100 Stellen, die erste Massenentlassung in 16 Jahren Unternehmensgeschichte. CEO Matthew Prince erklärte, das Unternehmen wechsle zu einem "agentic AI-first operating model". Die interne KI-Nutzung sei in drei Monaten um 600 Prozent gestiegen, tausende Agent-Sessions liefen täglich in Engineering, Finance, HR und Marketing.

Gleichzeitig meldete Cloudflare Rekordquartalsumsatz von 639,8 Millionen Dollar, ein Plus von 34 Prozent. Die Aktie fiel trotzdem um 24 Prozent. Prince betonte, es sei keine Sparmaßnahme und keine Bewertung individueller Leistung, sondern eine Neuausrichtung.

Klingt nach einer klaren Sache: KI ersetzt Jobs. Aber ein paar Dinge passen nicht zusammen.

Cloudflare sagt, die KI-Nutzung sei in drei Monaten um 600 Prozent gestiegen. Wenn man drei Monate lang KI-Tools testet und dann 1.100 Leute entlässt, hat man nicht herausgefunden, dass KI diese Jobs kann. Man hat entschieden, dass man es versuchen will. Das ist ein Unterschied.

In einer Umfrage von Ende 2025 gaben 59 Prozent der befragten Personalverantwortlichen an, dass sie KI in Entlassungsankündigungen betonen, weil es "bei Stakeholdern besser ankommt" als finanzielle Engpässe. Lisa Simon, Chefökonomin bei Revelio Labs, formuliert es direkt: KI sei "ein bisschen eine Front und eine Ausrede". Fabian Stephany vom Oxford Internet Institute sieht in vielen Fällen schlicht eine Marktbereinigung nach der Pandemie-Übereinstellung.

Das heißt nicht, dass KI bei Cloudflare keine Rolle spielt. Es heißt, dass "KI ersetzt diese Jobs" eine bequemere Geschichte ist als "wir restrukturieren, weil wir nach dem Wachstumsschub zu viele Leute haben" oder "wir verlagern Aufgaben". Wenn ein CEO sagt, die Entlassungen seien keine Sparmaßnahme, obwohl 1.100 Gehälter wegfallen, lohnt es sich, genau hinzuhören.

Ein Muster, das größer ist als Cloudflare

Cloudflare ist kein Einzelfall. Im ersten Quartal 2026 hat die Tech-Branche knapp 80.000 Stellen abgebaut, fast die Hälfte davon mit KI als genanntem Grund. Shopify-CEO Tobi Lütke hat seinen Teams schon im Frühjahr 2025 gesagt, sie müssten nachweisen, dass KI eine Aufgabe nicht erledigen kann, bevor sie neue Stellen beantragen dürfen. Accenture, Amazon, Dell, Microsoft: die Liste der Unternehmen, die KI als Begründung für Stellenabbau anführen, wird länger.

KI verändert Jobs, keine Frage. Aber "KI" wird gerade zur Universalbegründung, die jede Restrukturierung legitimiert. Ob die KI-Tools tatsächlich leisten, was die Pressemitteilung verspricht, prüft dabei niemand.

Und bei uns?

Wer gerade GPU-Kapazität beschafft: Es lohnt sich zu wissen, ob der eigene Anbieter von Nvidia finanziert wird. Das ist kein Ausschlusskriterium, aber man sollte verstehen, wie abhängig die Lieferkette von einem einzelnen Investor ist.

Wer im eigenen Unternehmen KI-bedingte Umstrukturierungen erlebt oder plant: Genau hinschauen, welche Aufgaben KI tatsächlich besser erledigt und wo "KI" nur als Begründung herhalten muss. Drei Monate Pilotprojekt und dann 20 Prozent der Leute entlassen ist keine Datenbasis. Das ist eine Wette.

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