Claude Cowork: 90 % ist Büroarbeit, kein Coding

Anthropic bringt Cowork auf Web und Mobile und veröffentlicht Nutzungsdaten aus 1,2 Mio. Sessions. Nur 8,7 % sind Softwareentwicklung. Was das zeigt.

5 Min. Lesezeit

Anthropic hat am 7. Juli Claude Cowork auf Web und Mobile freigeschaltet. Cowork ist der Hintergrund-Task-Agent, der seit Januar als Desktop-App läuft: Aufgabe beauftragen, App zumachen, später das Ergebnis abholen. Die eigentliche Nachricht liegt aber nicht im Feature-Rollout, sondern in den Nutzungsdaten, die Anthropic gleich mitveröffentlicht hat.

Die Zahlen

Ausgewertet wurden 1,2 Mio. anonymisierte Cowork-Sessions aus den letzten zwei Maiwochen, verteilt über mehr als 600.000 Organisationen. Die Aufteilung nach Aufgabentyp:

KategorieAnteilTypische Aufgaben
Business Process & Operations33,4 %Reports zusammenziehen, Onboarding-Checklisten, Spreadsheet-Abgleich, Client-Prep-Briefings
Content & Copywriting16,4 %Entwürfe, Slide Decks, Social Posts, Proposals
Softwareentwicklung8,7 %Code-Aufgaben
Rest (nicht einzeln aufgeschlüsselt)~41 %Recherche, Analyse, Kommunikation

Anthropic selbst zieht die Linie so: über 90 % der Nutzung ist keine Softwareentwicklung. Die Zahlen bestätigen damit, wofür Cowork von Anfang an gedacht war, nämlich als Hintergrund-Agent für die tägliche Büroarbeit und nicht als Coding-Werkzeug.

Was Cowork gerade macht

Ein Beispiel, das Anthropic in der Ankündigung selbst nennt: "Setze für Montag um 6 Uhr die Client-Vorbereitung auf. Cowork arbeitet die E-Mail-Threads, Call-Transkripte und aktuelle News durch, baut das Briefing-Dokument und legt die Follow-up-Mail als Entwurf ab, aber ungesendet." Genau in diese Richtung geht der Löwenanteil: wiederkehrende Vorbereitungsarbeit, die kein Mensch mehr in Echtzeit begleiten muss.

Auf Web und Mobile funktioniert das jetzt auch dann, wenn der Laptop zu ist. Task am Schreibtisch anstoßen, im Zug am Handy Zwischenstand checken, abends zu Hause das Ergebnis freigeben. Beta läuft zunächst für Max-Abonnent:innen, die weiteren Tarife folgen.

Cowork ist nicht Claude Code, und die Zahlen zeigen es

Für uns bei KIberblick ist der 8,7-Prozent-Wert die eigentliche Überraschung, aber in die andere Richtung: er ist erstaunlich hoch, nicht erstaunlich niedrig. Cowork und Claude Code sind zwei sehr unterschiedliche Modi.

Claude Code (inklusive der Remote-Variante, die im Browser läuft) ist der Dev-Modus. Es lebt in Repository und Terminal, kennt die Codebasis, führt Tests aus, öffnet Pull Requests. Für "refactor diese Klasse", "finde den Bug in dem Test", "migriere von React 18 auf 19" ist das Werkzeug erstens präziser (weil es Code-Kontext hat) und zweitens schärfer (weil es CLI-nah in Dev-Workflows sitzt).

Cowork ist der Bürowerkzeug-Modus. Der Kontext sind Dokumente, E-Mails, Kalender, ein Web-Browser. Kein Repo, kein Diff, keine Test-Suite. Wer damit "codet", meint eher: ein Skript-Schnipsel zusammenbauen, eine JSON-Struktur ableiten, ein YAML kommentieren. Das ist Coding im weitesten Sinn, aber nicht das, was ein:e Entwickler:in unter Coding-Agent versteht.

Dass in Anthropics Zahlen trotzdem 8,7 % als "Softwareentwicklung" auftauchen, deutet auf zwei Effekte hin. Erstens: Nicht jede:r, die:der code-nahe Aufgaben mit Cowork erledigt, weiß von Claude Code oder hat Zugriff darauf (Cowork ist im Chat-Abo dabei, Claude Code läuft separat). Zweitens: PMs, POs, Designer, QA-Leute erledigen viele coding-nahe Aufgaben (JSON prüfen, Regex bauen, SQL entwerfen), ohne selbst Entwickler:in zu sein. Für die ist Cowork das passende Werkzeug, Claude Code wäre der falsche Modus.

Die restlichen 91,3 % sind aber das, was die Zahl eigentlich lesbar macht. Autonome KI-Agenten kommen gerade in genau den Rollen an, die in der öffentlichen Wahrnehmung bisher wenig mit "Agenten" zu tun hatten. Product Owner, Projektleitung, Design, QA: sie nutzen Cowork nicht, um Code zu schreiben, sondern um die Vorbereitungsarbeit rund um ihre Rolle zu automatisieren.

Einordnung: Was die Zahlen (nicht) sagen

Die Daten kommen vom Hersteller selbst. Anthropic hat ein Interesse daran, Cowork als breites Werkzeug zu positionieren, nicht als Nischenprodukt für Devs. Das relativiert die Zahl nicht, sollte aber im Kopf bleiben.

Was die Zahlen belegen: Wer Cowork nutzt, nutzt es überwiegend nicht zum Coden. Die 1,2 Mio. Sessions und 600.000 Organisationen sind eine belastbare Stichprobe. Was sie nicht belegen: dass die gleiche Aufteilung für alle Anbieter (OpenAI-Agents, ChatGPT-Tasks, Gemini-Deep-Research) gelten muss. Das ist wahrscheinlich, aber unbelegt.

Praktisch heißt das für die Zielgruppe: Wenn ihr Cowork oder ähnliche Agent-Modi noch nicht ausprobiert habt, weil "das ist doch was für Devs", dann sagen die Zahlen das Gegenteil. Ein Product Owner, der montags automatisch eine Sprint-Vorbereitung mit Ticket-Status, Blocker-Übersicht und Retro-Notizen bekommt, hat mehr davon als jede weitere Dev-Automatisierung. Und wer wirklich Code schreiben lassen will: das ist das Terrain von Claude Code, nicht von Cowork.

Quellen3