Google kauft Spirits Innenleben für die KI
Google ersteigert E-Mails, Chats und Support-Anrufe der insolventen Airline Spirit für 10 Millionen Dollar. Die Anonymisierung bezahlt der Käufer selbst.
Als die US-Billigairline Spirit im Mai 2026 zahlungsunfähig wurde, ging es zunächst um Flugzeuge, Landerechte und offene Rechnungen. Jetzt zeigt sich, dass in der Insolvenzmasse noch etwas anderes steckte: die komplette interne Kommunikation des Unternehmens. Google hat sie ersteigert, für 10 Millionen Dollar, und will damit nach eigener Aussage seine KI-Dienste verbessern. The Register hat den Vorgang am 18.08. aufbereitet.
Was verkauft wird
Das Paket ist keine Randnotiz, sondern das digitale Innenleben einer Firma mit zuletzt rund 175.000 Personaldatensätzen in den Systemen:
| Bestand | Umfang |
|---|---|
| E-Mails | über 100 Millionen |
| Teams-Nachrichten | rund 500 Millionen |
| OneDrive-Dateien | 17 Millionen |
| SharePoint-Elemente | 20,5 Millionen |
| Aufgezeichnete Kundendienst-Anrufe | über 30 Millionen |
| Chat-Protokolle im Kundendienst | über 15 Millionen |
| ServiceNow-Tickets | 600.000 |
| Transaktionen (seit Mai 2008) | 7,5 Milliarden |
| Eigener Quellcode | rund 30 Millionen Zeilen |
| Betriebsdaten | zu 763.000 Flügen |
Für ein KI-Unternehmen ist das ein seltener Fund: echte, zusammenhängende Arbeitskommunikation über Jahre, wie sie sich aus dem öffentlichen Netz nicht einsammeln lässt. Genau deshalb bot neben Google auch Mercor mit, ein Anbieter von Trainingsdaten. Mercor stieg laut The Next Web mit 5,2 Millionen Dollar ein und erhöhte auf 7 Millionen, unter der Bedingung, die Rohdaten zu bekommen und selbst zu anonymisieren. Google bot 10 Millionen und bekam den Zuschlag.
Wer die Anonymisierung kontrolliert
Der Verkauf ist an eine Auflage geknüpft: Die Daten müssen vor der Übergabe "deidentifiziert" werden, und Google verspricht, personenbezogene Informationen zu entfernen, die dabei übrig bleiben. Klingt beruhigend, hat aber einen Haken, den The Next Web aus den Vertragsunterlagen herausgearbeitet hat. Den Dienstleister für die Anonymisierung wählt Google aus, und Google bezahlt ihn auch, zusätzlich zum Kaufpreis.
Dazu kommt eine technische Feinheit: Die Deidentifizierung soll die Bezüge zwischen den Datensätzen erhalten. Eine pseudonymisierte Person bleibt also über E-Mails, Tickets und Transaktionen hinweg dieselbe Person. Für das Training ist das wertvoll, für die Anonymität ist es ein Risiko, denn je mehr verknüpfte Datenpunkte übrig bleiben, desto leichter lässt sich ein Pseudonym wieder einer realen Person zuordnen. Eine unabhängige Stelle, die das Ergebnis prüft, sieht der Vertrag nicht vor.
Bei Redaktionsschluss stand die richterliche Genehmigung noch aus. Das Insolvenzgericht verhandelt den Verkauf am 19.08.2026, die Frist für schriftliche Einwände lief am 17.08. ab.
Warum es einen Unterschied macht, wer kauft
Wie gut eine Pseudonymisierung schützt, hängt nicht nur von ihrer technischen Qualität ab, sondern davon, was der Empfänger sonst noch weiß. So steht es auch im europäischen Recht. Erwägungsgrund 26 der DSGVO verlangt, bei der Frage nach Identifizierbarkeit "alle Mittel" zu berücksichtigen, "die von dem Verantwortlichen oder einer anderen Person nach allgemeinem Ermessen wahrscheinlich genutzt werden". Ob etwas anonym ist, hängt also davon ab, wer es in die Hand bekommt.
Bei diesem Käufer ist die Liste dieser Mittel ungewöhnlich lang. Google betreibt Gmail, und in dem Paket liegen über 100 Millionen E-Mails, deren Gegenstellen zu einem guten Teil private Postfächer sein dürften. Google speichert nach eigenen Angaben die Web- und App-Aktivitäten angemeldeter Nutzer, also Suchanfragen und Aktivitäten in Google-Diensten, und dazu können "der ungefähre Standort und die IP-Adresse" des Geräts gehören. Und in den Betriebsdaten zu 763.000 Flügen stecken Ortswechsel von Menschen mit Datum und Uhrzeit, also genau die Art von Information, die sich mit Standortdaten abgleichen ließe. Dass die Deidentifizierung die Bezüge zwischen den Datensätzen bewusst erhält, erleichtert solche Abgleiche zusätzlich.
Das ist keine Unterstellung, Google werde das tun, und es gibt Gegenargumente. Die Maps-Zeitachse liegt laut Google-Hilfe inzwischen auf dem Gerät, eine Kopie auf den Servern gibt es nur mit aktivierter Sicherung. Und der Verkauf läuft vor einem US-Insolvenzgericht, die DSGVO gilt dort nicht. Genau deshalb ist Erwägungsgrund 26 hier als Maßstab interessant und nicht als Vorschrift: Der Vertrag bewertet das Datenpaket isoliert, der europäische Maßstab fragt zusätzlich, wer es bekommt. Dieselbe Pseudonymisierung, die bei einem kleinen Datenhändler genügen mag, kann bei einem Konzern mit Mail-, Such- und Kartendiensten daran scheitern. Wer in Europa Daten eines insolventen Dienstleisters übernimmt oder abgibt, wird sich diese Frage stellen müssen. Im Fall Spirit stellt sie niemand, denn wer die Anonymisierung aussucht und bezahlt, prüft nicht gegen sich selbst.
Was das für Teams heißt
Man muss keine Airline betreiben, damit einen der Fall betrifft. Jedes Unternehmen hinterlässt bei Dienstleistern Daten, und jeder Dienstleister kann insolvent werden. Dann entscheidet nicht mehr der Vertrag über den Umgang mit den Daten, sondern ein Insolvenzverwalter, dessen Auftrag es ist, aus der Masse möglichst viel Geld zu machen. Der Spirit-Fall zeigt, dass "unsere internen Daten" dabei inzwischen als KI-Trainingsmaterial bepreist werden.
Drei Fragen lohnen sich deshalb heute, nicht erst im Ernstfall:
- Was steht im Vertrag mit dem Anbieter für den Fall seiner Insolvenz? Viele Auftragsverarbeitungsverträge regeln Löschung bei Vertragsende, aber nicht, was mit den Daten in einem Insolvenzverfahren passiert.
- Welche Daten liegen überhaupt dort? Wer Support-Telefonate, Chats und Tickets bei einem Dienstleister auflaufen lässt, hat dort ein Archiv, das im Zweifel verkäuflich ist.
- Was wäre der Schaden, wenn diese Daten "deidentifiziert" bei einem Dritten landen? Der Spirit-Vertrag zeigt, wie dehnbar der Begriff ist, wenn der Käufer die Anonymisierung selbst steuert.
Wie sich ein Eigentümerwechsel beim Werkzeuganbieter auf die eigene Modell- und Datenstrategie auswirkt, haben wir im Artikel Wenn dein Werkzeug den Besitzer wechselt aufgeschrieben. Die Insolvenz ist der dritte Weg neben Übernahme und Abschaltung, auf dem Daten und Werkzeuge den Besitzer wechseln, und sie ist der einzige, bei dem niemand mehr am Tisch sitzt, der den ursprünglichen Vertrag verteidigt.
Quellen5
- The Register: Google buys crashed airline Spirit's data at auction, because AI (18.08.2026)theregister.com
- The Next Web: Google picked and paid for the firm anonymising the Spirit Airlines data (18.08.2026)thenextweb.com
- Erwägungsgrund 26 DSGVO, Nicht auf anonyme Daten anwendbarprivacy-regulation.eu
- Google Maps-Hilfe: Zeitachse verwalten (eigene Prüfung am 19.08.2026)support.google.com
- Google-Hilfe: Web- und App-Aktivitäten (eigene Prüfung am 19.08.2026)support.google.com