Claudes Gedächtnis: was beim Löschen bleibt
Claude merkt sich jetzt themenweise über Chat und Cowork hinweg. Wer einen Chat löscht, löscht die daraus entstandenen Einträge aber nicht mit.
Anthropic hat am 25.08.2026 umgebaut, wie Claude sich Dinge merkt. Chat und Cowork teilen sich ab sofort ein Gedächtnis, gespeichert wird laufend statt nachträglich, und alles Gemerkte liegt als Liste einzelner Themen, die man lesen, ändern und löschen kann.
Das ist in weiten Teilen besser gelöst als erwartet. Ein Detail steht allerdings nicht im Blogpost, sondern nur im Hilfecenter, und es ist genau das Detail, das für alle relevant ist, die mit Kundendaten arbeiten.
Der Satz, der im Hilfecenter steht
Wenn ein Gespräch abläuft oder gelöscht wird, werden die daraus entstandenen Gedächtniseinträge nicht mit entfernt.
Das klingt nach einer technischen Fußnote und ist in der Praxis das Gegenteil. Der übliche Reflex nach einem Gespräch, in dem versehentlich zu viel stand, lautet: Chat löschen, Sache erledigt. Genau das stimmt hier nicht mehr. Der Chat ist weg, die daraus destillierten Themen bleiben und wirken in künftigen Gesprächen weiter. Wer sie loswerden will, muss sie separat in den Einstellungen unter "Topics" suchen und einzeln löschen.
Für den Arbeitsalltag heißt das konkret: Der Name des Kunden, die Höhe des Angebots, der Grund für die Eskalation, die Personalie, die noch nicht öffentlich ist. Alles, was in einem Arbeitsgespräch mit Claude landet, kann als Thema abgelegt werden und überlebt das Löschen des Gesprächs.
Wo die Funktion standardmäßig an ist, und wo nicht
Diese Unterscheidung ist die wichtigste der ganzen Ankündigung, und sie ist erfreulich klar geregelt:
| Plan | Gedächtnis standardmäßig |
|---|---|
| Free, Pro, Max | an |
| Team, Enterprise | aus |
Bei Team und Enterprise ist es sogar doppelt abgesichert. Erst muss ein Owner die Funktion organisationsweit unter den Capabilities freischalten, danach muss jeder Nutzer sie für sich einzeln aktivieren. Für Firmenkonten passiert also erst einmal gar nichts.
Der umgekehrte Fall ist ebenfalls sauber geregelt und sollte vor dem Ausprobieren bekannt sein: Schaltet ein Owner die Funktion organisationsweit wieder ab, werden alle bestehenden Einträge aller Nutzer sofort gelöscht. Das ist als Not-Aus gut, als versehentlicher Klick teuer.
Ein Punkt für regulierte Umgebungen, der in keiner Zusammenfassung auftaucht: Für Organisationen mit HIPAA-Vereinbarung, im öffentlichen Sektor oder mit individuell vereinbarten Aufbewahrungsfristen steht das Gedächtnis gar nicht zur Verfügung. Wer in so einem Vertrag steckt, muss die Frage nicht beantworten, sie stellt sich nicht.
Sensible Daten: gut gedacht, mit einer Lücke
Bestimmte Themen speichert Claude von sich aus nicht. Genannt werden Gesundheit, ethnische Herkunft, Religion, politische Überzeugungen und Geschlechtsidentität, ausdrücklich als offene Aufzählung, also nicht abschließend. Wer das anders will, muss die Einstellung "Include sensitive topics in memory" aktiv einschalten, sie ist standardmäßig aus. Danach zeigt Claude bei jedem solchen Speichervorgang einen Hinweis über dem Eingabefeld. Schaltet man die Einstellung später wieder aus, entfernt Claude die bereits gespeicherten sensiblen Einträge.
Manches wird nie gespeichert, auch mit aktivierter Einstellung nicht. Hier weichen die Quellen leicht voneinander ab, was einen Blick wert ist: Der Blogpost nennt Ausweis- und Sozialversicherungsnummern, Vorstrafen, Aufenthaltsstatus und alles, was gegen die Nutzungsrichtlinie verstößt. Das Hilfecenter nennt zusätzlich Kontonummern, dafür nicht die Richtlinienklausel. Wer sich auf eine der beiden Listen verlässt, sollte wissen, dass es die andere auch gibt.
Und jetzt die Lücke, die für unsere Zielgruppe zählt: Geschäftsgeheimnisse stehen auf keiner dieser Listen. Der Filter schützt die Kategorien, die das Datenschutzrecht als besondere Kategorien personenbezogener Daten kennt. Er schützt nicht die Vertragskonditionen eures Kunden, nicht den unveröffentlichten Releasetermin und nicht die Architektur, über die ihr unter Verschwiegenheit sprecht. Für diese Dinge gibt es keinen automatischen Filter, nur euer Verhalten.
Was Incognito nicht ist
Den Incognito-Modus gibt es weiterhin für alle Pläne. Er tut, was er verspricht: Der Chat landet nicht im Verlauf, nicht im Gedächtnis, nicht in der Suche, und er nutzt umgekehrt auch das bestehende Gedächtnis nicht. Fürs Training wird er nicht verwendet, selbst wenn das eingeschaltet ist.
Was der Name aber nicht sagt: Incognito-Chats werden trotzdem 30 Tage aufbewahrt, nach Organisationsrichtlinie auch länger. Bei Team und Enterprise tauchen sie in Datenexporten der Organisation auf und sind über die Compliance-Schnittstelle abrufbar. Incognito heißt also, dass Claude sich nichts merkt, nicht, dass niemand mitliest.
Was noch offen ist
Drei Fragen konnten wir an den offiziellen Quellen nicht klären, und wir schreiben das lieber hin, als zu raten:
- Fließen Gedächtniseinträge ins Modelltraining? Keine der Quellen sagt das ausdrücklich. Die Trainingsrichtlinien sprechen von Chats und Coding-Sessions. Da die Einträge aus Chats entstehen, liegt der Schluss nahe, belegt ist er nicht. Für Consumer-Konten gilt allgemein: Training findet statt, wenn man es erlaubt hat, und man widerspricht in den Einstellungen unter "Help Improve our AI models". Für kommerzielle Produkte inklusive Enterprise findet standardmäßig kein Training statt.
- Was beim Löschen eines Projekts oder des Kontos mit dem zugehörigen Gedächtnis passiert, ist nicht dokumentiert.
- Zur EU-Datenresidenz für die Claude-Oberflächen gibt es keine Aussage. Für die API ist die Lage bekannt und unerfreulich, das haben wir in EU-Region für Claude beschrieben.
Ein zeitkritischer Hinweis für alle, die schon länger dabei sind: Wer vom alten Gedächtnis migriert wurde, kann seinen alten Bestand nur noch bis zum 09.09.2026 exportieren.
Was ihr jetzt tun solltet
Für Teams mit Firmenkonto ist die Lage entspannt, weil erst einmal nichts passiert. Nutzt den Vorlauf.
- Klärt vor der Freischaltung, was hinein darf. Nicht ob die Funktion nützlich ist, das ist sie. Sondern welche Projekte in Ordnung sind und bei welchen Mandaten das Gedächtnis aus bleibt. Der Filter für sensible Themen nimmt euch diese Entscheidung nicht ab.
- Nehmt das Löschverhalten in die Einweisung auf. Wenn ihr die Funktion freigebt, muss jede Person wissen, dass ein gelöschter Chat die Einträge nicht mitnimmt. Das ist der einzige wirklich überraschende Teil, und es ist genau der Teil, den man im Ernstfall braucht.
- Prüft die Verträge zuerst. Bei HIPAA, öffentlichem Sektor oder eigener Aufbewahrungsvereinbarung erübrigt sich alles Weitere.
- Rechnet damit, dass Kolleginnen und Kollegen private Konten nutzen. Dort ist die Funktion standardmäßig an. Wer dienstliche Fragen im eigenen Pro-Konto stellt, baut ein Gedächtnis auf, auf das eure Organisation keinen Zugriff und keine Löschmöglichkeit hat. Das ist der praktisch wahrscheinlichste Weg, auf dem Kundendaten in einem Gedächtnis landen, das niemand verwaltet.
Wie man Firmendaten überhaupt kontrolliert an Werkzeuge heranführt, statt es dem Zufall zu überlassen, haben wir im Context Layer beschrieben. Das Gedächtnis ist dafür ein neuer Kanal, und er ist bequemer als alle bisherigen. Das macht ihn nützlich und erklärt zugleich, warum er eine Regel braucht.
Quellen7
- Anthropic: Claude's memory works everywhere, and you decide what's in it (25.08.2026)claude.com
- Anthropic Hilfecenter: Use Claude's chat search and memory to build on previous contextsupport.claude.com
- Anthropic Release Notes (Eintrag vom 25.08.2026)support.claude.com
- Anthropic Hilfecenter: Use incognito chatssupport.claude.com
- Anthropic Datenschutz: Wie lange werden Daten gespeichertprivacy.claude.com
- Anthropic Datenschutz: Werden meine Daten für das Modelltraining genutzt (Consumer)privacy.claude.com
- Anthropic Datenschutz: Modelltraining bei kommerziellen Produktenprivacy.claude.com