Sicherheit

Zwei KI-Regelwerke, eines davon geheim

Der EU AI Act steht im Volltext im Netz, das US-Rahmenwerk für Frontier-Modelle bleibt unveröffentlicht. Was Teams trotzdem planen können.

Anfang August sind innerhalb von zwei Tagen zwei KI-Regelwerke scharf geschaltet worden. Am 2. August griffen in Europa die Transparenzpflichten aus Artikel 50 des AI Act. Am 3. August stellte das Weiße Haus sein Rahmenwerk zur Prüfung von Frontier-Modellen fertig.

Der Unterschied liegt nicht darin, welches strenger ist. Er liegt darin, dass ihr nur eines davon lesen könnt.

Der AI Act steht im Volltext im Amtsblatt, mit Artikelnummern, Fristen und Bußgeldrahmen. Das US-Rahmenwerk wird nicht veröffentlicht. Was drinsteht, wissen die Firmen, die am 4. August zum Review ins Weiße Haus geladen waren, und sonst niemand.

Für Teams im DACH-Raum ist das keine akademische Beobachtung. Das eine Regime schafft Pflichten, gegen die ihr eine Checkliste bauen könnt. Das andere schafft keine einzige Pflicht für euch, verschiebt aber möglicherweise, wann ihr das nächste Modell überhaupt benutzen dürft.

Was auf der US-Seite öffentlich ist

Nicht alles ist geheim. Die Grundlage ist Executive Order 14409 vom 2. Juni 2026, und die steht ganz normal auf whitehouse.gov.

Die Mechanik darin ist schnell erzählt: Entwickler können der Regierung bis zu 30 Tage vor der öffentlichen Freigabe Zugang zu "covered frontier models" geben, unter Auflagen zu Vertraulichkeit, Cybersicherheit und Schutz geistigen Eigentums. Die Order zieht dabei selbst eine Grenze und stellt fest, dass nichts in diesem Abschnitt so auszulegen sei, dass es eine verpflichtende staatliche Lizenzierung, Vorabgenehmigung oder Erlaubnis für KI-Modelle schaffe. Freiwillig also, und nicht bindend.

Bemerkenswert ist, dass die Geheimhaltung ebenfalls schon dort steht: Der Benchmarking-Prozess zur Bewertung fortgeschrittener Cyberfähigkeiten wird klassifiziert. Das war also keine spätere Verwaltungsentscheidung, sondern von Anfang an so gedacht.

Was nicht öffentlich ist

Das Rahmenwerk, das diese Order ausfüllt, wurde am 3. August fertiggestellt und am 4. August auf Mitarbeiterebene mit Meta, Nvidia, Microsoft, OpenAI, Anthropic und kleineren Firmen durchgesprochen. Fortune berichtete am selben Tag, dass es nicht veröffentlicht wird. Firmen, die nicht eingeladen waren, kennen den Inhalt nicht.

Was fehlt, ist genau das, woran man sich orientieren würde:

FrageÖffentlich beantwortet?
Welche Modelle sind erfasst?Nein, nur über Hintergrundquellen
Ab welcher Fähigkeitsschwelle greift es?Nein, klassifiziert
Welche Benchmarks werden gefahren?Nein, klassifiziert
Wann startet die 30-Tage-Uhr, wann endet sie?Nein
Wer sind die "trusted partners" mit Frühzugang?Nein
Wer prüft, welche Behörde entscheidet?Nur grob, mehrere Stellen statt einer

Was über Hintergrundquellen durchgesickert ist, hat Axios am 4. August berichtet: Ein "covered frontier model" sei definiert als closed-source mit Spitzenfähigkeiten und Risiken für die nationale Sicherheit. Was "Spitzenfähigkeiten" oder "nationales Sicherheitsrisiko" heißt, sei nicht definiert. Während der 30-tägigen Prüfung lägen die Modelle in Hochsicherheitsumgebungen mit Zugriffsprotokollen.

Diese Angaben stammen aus anonymen Quellen, nicht aus einer amtlichen Veröffentlichung. Das gehört bei jeder Weitergabe dazu, auch bei dieser hier.

Uns stört daran weniger die Geheimhaltung der Benchmarks, die lässt sich mit Missbrauchsgefahr begründen. Es sind die Kriterien, ab wann ein Modell überhaupt in die Prüfung fällt. Die könnte man veröffentlichen, ohne irgendjemandem einen Angriffspfad zu verraten, und ohne sie kann niemand außerhalb der eingeladenen Firmen einschätzen, ob er betroffen ist. Chris McGuire vom Council on Foreign Relations sagt gegenüber Fortune dasselbe kürzer: "We can't have secret, voluntary rules to regulate the most important tech in the world".

Der Punkt, der für Selbsthosting zählt

Laut denselben Axios-Quellen sind offene Modelle ausgenommen, und das Rahmenwerk stelle ausdrücklich fest, dass nichts darin so gelesen werden soll, als schränke es offene Modelle nach ihrer Veröffentlichung ein.

Falls das stimmt, ist es die praktisch wichtigste Information des ganzen Vorgangs. Die Manifest-Debatte der letzten Wochen drehte sich genau um diese Frage, und wir haben sie in Offene Gewichte: Souveränität auf dem Papier auseinandergenommen. Die erste faktische Antwort auf US-Regierungsseite fällt anders aus, als die Eindämmungsseite es wollte: keine neue Bremse auf offene Gewichte.

Für euch heißt das, der Weg über selbst betriebene Modelle bleibt unberührt. Wer ihn ohnehin aus DSGVO-Gründen prüft, hat jetzt ein Argument mehr, ihn nicht nur zu prüfen, sondern einmal ernsthaft durchzuspielen. Der Einstieg steht in Ollama: KI lokal und DSGVO-konform nutzen.

Die Einschränkung bleibt: Das ist eine Hintergrundinformation über ein geheimes Dokument. Bis es eine belastbare Quelle gibt, ist es eine begründete Annahme, keine Planungsgrundlage.

Warum euch ein geheimes Rahmenwerk trotzdem trifft

Ihr habt keine Pflichten daraus. Trotzdem ist es nicht folgenlos, und der Beleg dafür liegt schon vor der Fertigstellung.

Am 26. Juni stellte OpenAI die GPT-5.6-Reihe vor und begrenzte den Zugang gleichzeitig auf eine kleine Gruppe vertrauenswürdiger Partner, auf Bitte der US-Regierung. Öffentlich verfügbar wurden Sol, Terra und Luna erst rund zwei Wochen später. OpenAI selbst nannte das einen kurzfristigen Schritt und schrieb dazu, man halte diese Art von Regierungszugriff nicht für den richtigen Dauerzustand.

Am 7. August folgte der zweite Fall: OpenAI verschob die Freigabe des Modells Astra unter Verweis auf dessen Cyberfähigkeiten. Beide Male ging es um Modelle, die in DACH-Teams produktiv eingesetzt werden.

So wirkt ein freiwilliges Rahmenwerk in der Praxis. Es erzeugt für euch keine Pflicht, es verschiebt Termine in eurer Lieferkette. Und weil die Auslösekriterien geheim sind, könnt ihr nicht vorhersagen, welches Modell es das nächste Mal trifft.

Was das für die Planung heißt

Die europäische Seite ist die, gegen die ihr arbeiten könnt. Seit dem 2. August gelten die Transparenzpflichten nach Artikel 50, seit demselben Tag läuft die Durchsetzung gegenüber Anbietern universeller Modelle. Was wann greift und was noch bis 2027 und 2028 Zeit hat, steht in EU AI Act: Fristen und was gilt wann, die Kennzeichnung im Detail in KI-Inhalte kennzeichnen.

Die amerikanische Seite ist keine Compliance-Aufgabe, sondern ein Lieferkettenrisiko. Und Lieferkettenrisiken behandelt man anders als Pflichten.

Unterm Strich

Zwei Regelwerke, zwei Tage auseinander, und nur eines lässt sich lesen. Das klingt nach einem Nachteil für die europäische Seite, ist aber keiner. Ein Regelwerk, das man nachlesen kann, ist eines, gegen das man planen kann, und mehr braucht ein Team nicht.

Beim US-Rahmenwerk bleibt eine offene Rechnung. Es ist freiwillig und nicht bindend, es hat aber schon zweimal reale Freigabetermine verschoben. Ein Prozess mit dieser Wirkung und ohne veröffentlichte Kriterien lässt sich von außen nicht prüfen, und die Kritik daran kommt nicht nur aus Europa, sondern aus Washington selbst.

Für eure Arbeit ändert sich dadurch wenig. Die Pflichten, die euch treffen, stehen im AI Act und sind abarbeitbar. Was aus Washington kommt, gehört nicht in die Compliance-Liste, sondern in die Risikobetrachtung der Lieferkette, neben Preisänderungen und Kontingenten. Wer für den Modellwechsel ohnehin vorbereitet ist, hat hier nichts Neues zu tun.

Quellen8