Grundlagen

Serie David gegen Goliath · Teil 5 von 6

Was Software noch schützt, wenn Code billig ist

Den Editor bauen kleine Teams mit Agenten in Wochen nach. Was ein Softwareprodukt trotzdem schützt und was aus einer Alternative erst ein Produkt macht.

Am 09.10.2026 hat das ArtCraft-Team, das hinter dem Photoshop-Nachbau PhotoCraft steht, die nächste Alternative veröffentlicht: FigCraft, einen Nachbau von Figma. Zwei Tage später kam mit desigma ein zweiter, bei dem fast jeder Commit den Vermerk trägt, dass Claude mitgeschrieben hat. Beide sollen Figma-Dateien öffnen können, zumindest teilweise.

Figma ist zweierlei: ein Programm zum Gestalten und ein Ort, an dem Teams gemeinsam arbeiten. Das Programm lässt sich offenbar nachbauen. Dass der Ort fehlt, schreibt FigCraft selbst. Laut README hat FigCraft nur eine erste Vorschau für gemeinsames Arbeiten, "no accounts, teams or cloud yet", und schätzt sich selbst auf "about 49% of the way to replacing Figma for real work".

Damit ist die Frage dieses Teils gestellt. In den ersten Teilen der Serie ging es um Käufer, die selbst bauen, und um freie Alternativen. Hier geht es um die Anbieter: Was schützt ein Softwareprodukt noch, wenn sich der Funktionsumfang mit Agenten in Wochen nachbauen lässt? Und was braucht ein kleines Team, um aus einer Alternative ein Produkt zu machen, für das jemand zahlt?

Kopiert wird der Editor

Was die Nachbauten kopieren, ist die Oberfläche und das, was sie mit einer Datei macht. Was ihnen fehlt, schreiben sie meist selbst in ihre READMEs. Bei FigCraft sind es Konten, Teams und Cloud, .fig-Dateien öffnet es "only best effort". Desigma nennt als größte Lücken "collaboration, plugins, PDF export", dazu das undokumentierte Dateiformat von Figma. Der Videoschnitt-Nachbau FilmCraft aus der Craft-Reihe kann laut CineD keine Premiere-Projekte öffnen.

Für Notion, Slack, Jira, Asana, Monday oder Salesforce haben wir in den Neuanlagen auf GitHub seit Jahresbeginn keinen bekannten Nachbau gefunden, bei dem KI am Bau belegt beteiligt ist. Das kann an der Suche liegen, denn sie findet nur, was sich im Namen oder in der Beschreibung als Alternative zu erkennen gibt. Auffällig ist es trotzdem: Die Craft-Reihe hat Photoshop, Word, Excel, AutoCAD und jetzt Figma nachgebaut. Ein Chatprogramm, ein Wiki oder ein CRM ist bisher nicht dabei.

Die naheliegende Erklärung: Ein Editor lässt sich beobachten und nachbauen. Ein Produkt, dessen Wert darin liegt, dass alle Kollegen schon drin sind und die Daten der letzten fünf Jahre dort liegen, lässt sich nicht beobachten. Es lässt sich nur ablösen, und das ist ein ganz anderes Projekt.

Der Eisberg unter der Oberfläche

Genau diese Unterscheidung hat Philipp Klöckner im Doppelgänger Tech Talk #603 (ab 01:01) als Raster formuliert. Bedroht ist nach seiner Einschätzung, wer ein Produkt mit wenig Funktionstiefe hat und nach Sitzplätzen abrechnet, Asana und Monday zählt er vielleicht dazu. Gut aufgestellt ist, wer in großem Umfang Kundendaten verwaltet und die Komplexität eines großen Unternehmens abbildet, also ein "System of Record" ist. Als Beispiele nennt er SAP, Oracle, Salesforce und Microsoft. Diese Anbieter seien sogar in einer guten Position, selbst KI zu verkaufen, weil Kunden KI-Funktionen von ihren bestehenden Anbietern wollen.

Im selben Gespräch fällt das Bild vom Eisberg: Software ist nicht nur die Oberfläche, sondern alles darunter, die Rechteverwaltung, die Stammdaten, die angebundenen Systeme und Schnittstellen. Bei einem Konzern mit Niederlassungen in vielen Ländern hängen hinter dem CRM noch ein ERP, die Produktionsplanung und das Qualitätsmanagement. Das lässt sich nicht an einem Wochenende mit Agenten zusammensetzen.

Klöckner ist mit dieser Sortierung nicht allein. KeyBanc-Analyst Jackson Ader hielt laut CNBC schon im vergangenen Jahr Anbieter wie Monday, Asana und Sprout Social für am stärksten gefährdet, weil sie nach Sitzplätzen abrechnen und nicht an ein zentrales System wie ERP oder CRM gebunden sind.

Wenig FunktionstiefeViel Funktionstiefe, viele Daten
Abrechnung pro Sitzplatzam stärksten unter DruckDruck auf die Zahl der Lizenzen, nicht auf das Produkt
Plattform, an der andere Systeme hängenkaum vorhandenam besten geschützt

Die Tabelle ist eine Vereinfachung der beiden Einschätzungen, kein Messergebnis. Sie hilft aber bei der Frage, wo ein Nachbau mit Agenten tatsächlich Kunden kostet: bei Werkzeugen, die man austauschen kann, ohne dass in der Firma etwas anderes bricht.

Was der Markt eingepreist hat

An der Börse wurde diese Frage Anfang des Jahres heftig verhandelt. Nachdem Anthropic Ende Januar Plug-ins für seinen Agenten Cowork vorgestellt hatte, fiel der S&P 500 Software & Services Index laut Reuters in fünf Handelstagen um fast 13 Prozent und lag 26 Prozent unter seinem Hoch vom Oktober. Mark Murphy von J.P. Morgan hielt dagegen: "It feels like an illogical leap to extrapolate Claude Cowork Plugins ... to an expectation that every company will hereby write and maintain a bespoke product to replace every layer of mission-critical enterprise software they have ever deployed."

Die Erholung kam. Atlassian stieg am 01.05. nach den Quartalszahlen an einem Tag um mehr als 29 Prozent, nachdem die Aktie seit Jahresbeginn über 45 Prozent verloren hatte. Klöckner rechnet im Podcast vor, dass sich Cloud-Softwareaktien insgesamt fast vollständig erholt haben, und hält den Abgesang auf Software für übertrieben.

Die Craft-Reihe hat die Debatte im Oktober neu angefacht, diesmal bei einem einzelnen Konzern. HSBC hat Adobe Mitte Oktober laut Investing.com und Goldesel von Buy auf Hold herabgestuft und das Kursziel von 310 auf 267 Dollar gesenkt, ausdrücklich mit Verweis auf ArtCraft. Die Bank sieht die Gefahr aber vorerst bei privaten Nutzern und denen, die Freemium-Angebote nutzen, nicht im Unternehmenseinsatz. Bei automatisch erzeugtem Code verweist sie auf Sicherheits-, Rechts- und Wartungsfragen.

Kurse messen Erwartungen, keine Ergebnisse. Eine öffentliche Reaktion von Adobe, Microsoft oder Autodesk auf die Craft-Programme ist uns bis zum 15.10. nicht bekannt, CineD schreibt, Adobe habe Presseanfragen nicht beantwortet.

Wie die Großen antworten: Sie öffnen sich

Die eigentliche Reaktion der Konzerne läuft in eine andere Richtung, als man erwarten könnte. Statt sich abzuschotten, machen sie ihre Programme für fremde Agenten zugänglich. Adobe ist seit April mit einem Konnektor in Claude vertreten und seit September laut Adobe auch in Gemini, mit "more than 80 pro-grade tools" aus Photoshop, Illustrator, Premiere und weiteren Programmen. Autodesk hat einen Claude-Konnektor für Fusion, der allerdings ein Fusion-Abo voraussetzt. Microsoft verkauft seit Mai mit Agent 365 eine eigene Lizenz für den Betrieb von Agenten, für 15 Dollar pro Nutzer, im großen Paket E7 für 99 Dollar.

Bei Adobe kommt eine zweite Bewegung dazu. Im Quartalscall vom September nannte Adobe über 100 Millionen Nutzer der kostenlosen Angebote, und Konzernchef Shantanu Narayen sagte zu zurückgestellten Preismaßnahmen: "I'm actually really happy that we didn't focus on the pricing actions". Das war vor dem Start der Craft-Programme, passt aber zur Lage: Wer kostenlose Konkurrenz bekommt, erhöht nicht gleichzeitig die Preise.

Auch die Preismodelle verschieben sich. Weg vom Sitzplatz, aber nicht ganz. Salesforce hat im September neue Editionen ab 195 Dollar pro Nutzer und Monat eingeführt, mit einem Kontingent an Credits für Agenten. Atlassian rechnet die Nutzung seines KI-Assistenten Rovo ab dem 03.12.2026 zusätzlich ab, wenn das enthaltene Kontingent überschritten ist, standardmäßig eingeschaltet. Der Sitzplatz bleibt die Basis, der Verbrauch kommt obendrauf. Wer Lizenzen verwaltet, sollte das bei der nächsten Verlängerung im Blick haben.

Für die Frage nach dem Schutz heißt das: Der Wert wandert vom Programm zu Konto, Daten und Rechten. Wer Photoshop über einen Agenten bedient, braucht weiter ein Adobe-Konto. Wer Fusion aus Claude heraus steuert, braucht weiter ein Fusion-Abo.

Der David wird selbst kopiert

Die Geschwindigkeit trifft nicht nur Konzerne. TypeSafe hat am 15.09.2026 sein Modell Jev vorgestellt und am 09.10. eine Finanzierung von 870 Millionen Dollar bei einer Bewertung von 7,5 Milliarden Dollar abgeschlossen, laut SiliconANGLE. Drei Tage nach dem Start von Jev lag auf GitHub das erste freie Ersatzmodell, Von, einen Tag später das zweite, Jeff.

Jeff ist dabei das ehrlichere Lehrstück. Das README sagt offen, das Modell sei "Cheaper to self-host, but less accurate than jev on reasoning-heavy tasks". Im eigenen Test kommt es auf 66,9 Punkte gegenüber 75,3 bei Jev, kostet aber pro Million Anfragen etwa 2,60 statt 15,60 Dollar. Mehrere Commits tragen den Vermerk, dass Claude mitgeschrieben hat. Für viele Einsätze reicht das, für die anspruchsvollen nicht. Seit dem 20.09. hat sich am Repository nichts mehr getan.

Ähnlich bei CAD. Ein Dritter hat das Muster der Craft-Reihe am 07.10. auf Autodesk Fusion übertragen. Das Projekt hieß zuerst SolveCraft und heißt inzwischen SolidCraft. Es hat nach einer Woche rund 2.600 Sterne, eine Anweisungsdatei für Claude und laut 3druck.com nach eigener Angabe 328 von 541 angepeilten Fusion-Funktionen umgesetzt.

Für Startups ist das die unbequemere Nachricht. Ein neues Produkt mit klar beschreibbarer Funktion bekommt nicht erst nach Jahren Konkurrenz, sondern nach Tagen. Was es schützt, ist dann dasselbe wie bei den Konzernen: Qualität, die der Nachbau nicht erreicht, Betrieb, den der Kunde nicht selbst übernehmen will, und Vertrauen.

Was aus einer Alternative ein Produkt macht

Im Podcast stellt Philipp Glöckler die Frage, die fast wörtlich die Frage dieser Serie ist: Warum gibt es nicht längst fünf Leute von Monday, die das Produkt "AI-first" neu bauen, ein paar Kunden mitnehmen und es viel billiger anbieten? Klöckners Antwort, sinngemäß: Bewerben, verkaufen, aktuell halten, Vertrauen gewinnen und eine Marke aufbauen muss man trotzdem. Was er für wahrscheinlicher hält, sind spezialisierte Lösungen für einzelne Branchen.

Einen belegten Fall, in dem ein kleines Team mit einer KI-gebauten Alternative 2026 nachweislich zahlende Firmenkunden gewonnen hat, haben wir nicht gefunden. Die Bausteine, an denen es hängt, stehen aber in den Projekten selbst und in den Einwänden der Analysten:

  • Konten und Daten. Ohne Konten, Rechte und eine gehostete Ablage ist ein Editor kein Werkzeug für ein Team. FigCraft hat beides noch nicht.
  • Import und Migration. Wer umsteigen soll, will seine alten Dateien mitnehmen. FilmCraft kann keine Premiere-Projekte öffnen, FigCraft öffnet .fig-Dateien nur nach bestem Bemühen.
  • Support und Haftung. Wer im Unternehmen einsetzt, braucht jemanden, der antwortet, wenn es brennt, und der für Sicherheitslücken geradesteht. Genau das nennt HSBC als Risiko.
  • Eine Zusage zur Pflege. Wie lange gibt es Updates, und wer entscheidet darüber? Das haben wir im vorigen Teil am Beispiel PhotoCraft durchgespielt.
  • Ein Finanzierungsmodell. ArtCraft finanziert die kostenlosen Programme nach Darstellung des Gründers bei CineD über ein bezahltes Angebot für KI-Bilder und -Videos. Zahlen dazu gibt es nicht.

Neu ist an dieser Liste nichts. Agenten machen den Bau billig. Alles, was ein Produkt außer dem Code braucht, kostet so viel wie vorher.

Und im DACH-Raum?

Ein Motiv zum Wechsel gibt es hier reichlich. Laut Bitkom halten 85 Prozent der befragten Unternehmen Deutschland für zu abhängig von US-Cloud-Anbietern, 37 Prozent würden eine deutsche Cloud auch mit Abstrichen nutzen. Bei Verbrauchern finden laut einer weiteren Bitkom-Umfrage 55 Prozent den Wechsel zu europäischen Diensten zu kompliziert. Der Wille ist da, der Aufwand bremst.

Der ArtCraft-Gründer nennt bei CineD als eigenen Anlass, dass er zu oft über die Kündigungsgebühr bei Adobe gestolpert sei. Den Ausstieg aus einem Abo wollen also auch Leute, die nichts mit Souveränität im Sinn haben. Für die Programme einzelner Kreativer kann eine freie Alternative diesen Ausstieg erleichtern, sobald sie reif genug ist. Für Unternehmen bleibt es bei den Bausteinen von oben: Ohne Betrieb, Support und Migration wird aus der Alternative keine Option, egal wie europäisch oder kostenlos sie ist.

Kurz gesagt

Die Oberfläche einer Software ist mit Agenten in Wochen nachgebaut, das zeigen FigCraft, SolidCraft und die Kopien von Jev. Was ein Produkt schützt, liegt darunter: Daten, Konten und Rechte, die Anbindung an andere Systeme, Support und eine verlässliche Pflege. Am meisten unter Druck stehen Werkzeuge mit wenig Tiefe und Abrechnung pro Sitzplatz, am besten geschützt sind Systeme, an denen der Rest einer Firma hängt. Die großen Anbieter antworten nicht mit Abschottung, sondern machen ihre Programme für fremde Agenten zugänglich und rechnen zusätzlich nach Verbrauch ab. Wer eine Alternative zum Produkt machen will, braucht dasselbe wie vor zehn Jahren, nur der Code ist billiger geworden.

Quellen23