Grundlagen

David gegen Goliath: Wer braucht noch Konzerne?

Vier Leute veröffentlichen in zehn Tagen zwölf freie Alternativen zu Adobe und Microsoft Office. Was der Fall ArtCraft zeigt und was Größe noch bringt.

Unter einem YouTube-Video über einen Nachbau von Adobe After Effects steht ein Kommentar mit 800 Likes:

So basically... Companies used AI to replace people People used AI to replace those companies

Der Satz ist zu schön, um ganz zu stimmen. Aber er trifft, worum es in dieser Serie geht. Uns interessiert nicht, ob jemand ein Programm in einer Sitzung zusammenprompten kann. Uns interessiert ein Vorteil, den große Softwarefirmen bisher sicher hatten: Sie konnten etwas mit vielen Leuten über lange Zeit entwickeln, und sonst konnte das niemand. Wenn eine Handvoll Leute in Wochen eine brauchbare Alternative schreiben und pflegen kann, ist dieser Vorteil weniger wert.

"David gegen Goliath" geht dieser Verschiebung in mehreren Teilen nach. Der erste Teil schaut auf den Fall, der sie gerade sichtbar macht.

Der Fall ArtCraft

Am 01.10.2026 schrieb der Entwickler Brandon Thomas in einem Stellenthread auf Hacker News: "Software is over. But for real. I just one-shotted Photoshop. The whole thing." Eine Woche später schob er nach, das sei eine Warnung an Kollegen gewesen, die sich KI verweigern, kein Prahlen.

Die Zeile mit der einen Sitzung hat die Schlagzeilen gemacht. Wichtiger ist, was seitdem auf GitHub liegt.

Thomas gehört zu einem vierköpfigen Team, das unter dem Namen ArtCraft bisher ein Studio für KI-Bilder und -Videos entwickelt hat. Laut t3n arbeitet das Team mit Claude Opus 5.5 und der Sprache Rust, und Thomas betont seine 15 Jahre Erfahrung: Ein reines Vibe-Coding-Projekt sei das nicht. Mitgründer Michael Caffrey sagte Futurism, man habe die sieben wichtigsten Adobe-Werkzeuge zunächst intern nachgebaut: "We were shocked by how well they actually worked internally, so decided to open source them."

Seit dem 30.09. sind daraus zwölf Repositories geworden. Jedes beschreibt sich als Nachbau eines bekannten Programms, in reinem Rust und unter freier Lizenz:

ProgrammVorbild laut Repo oder TesterAngelegtSterne am 10.10.
PhotoCraftAdobe Photoshop30.09.38.106
LightCraftAdobe Lightroom30.09.8.234
FilmCraftAdobe Premiere Pro30.09.7.677
PdfCraftAdobe Acrobat30.09.6.988
VectorCraftAdobe Illustrator30.09.5.549
EffectCraftAdobe After Effects01.10.4.140
DesignCraftAdobe InDesign01.10.2.298
WordCraftMicrosoft Word07.10.2.341
GridCraftMicrosoft Excel07.10.1.424
DeckCraftMicrosoft PowerPoint07.10.1.105
CADCraft"AutoCAD-style"07.10.1.525
SoundCraftAvid Pro Tools07.10.1.112

Zwölf Programme, in zehn Tagen veröffentlicht, von vier Leuten. Wie lange das Team vorher intern daran gebaut hat, ist nicht bekannt. Auf der anderen Seite steht eine Suite, an der Adobe seit Jahrzehnten arbeitet und für die Einzelpersonen in Deutschland 77,99 Euro im Monat zahlen (Creative Cloud Pro, Stand 10.10.2026).

Screenshot: PhotoCraft-README, github.com/storytold/photocraft (Oktober 2026), MIT oder Apache 2.0. Das gezeigte Kunstwerk ist gemeinfrei.

Was davon funktioniert

Wir haben die Programme nicht selbst getestet. Das hat ein anderer getan, gründlicher, als wir es für einen Artikel könnten: Felix vom YouTube-Kanal FUTC, nach eigener Angabe Informatikstudent und Entwickler von Apps für Fotografen. Er hat in drei Tagen drei Videos veröffentlicht und acht der zwölf Programme ausprobiert. Die folgenden Befunde sind seine, mit Zeitmarke. Ein einzelner Tester ist kein Benchmark, aber deutlich mehr als eine Pressemitteilung.

Bitte beim Lesen im Kopf behalten: Die getestete Software ist wenige Tage alt, die ältesten Programme zehn Tage, die Office-Reihe zum Testzeitpunkt zwei. Fertig nennt sie niemand. PhotoCraft bezeichnet sich im README als "early alpha", GridCraft als "pre-alpha", DeckCraft sieht sich noch vor der ersten Alpha, die übrigen nennen sich "young and moving fast" oder "in active development". Was unten nicht funktioniert, ist deshalb kein Urteil über die Qualität, sondern eine Momentaufnahme aus den ersten Tagen. Der Tester sagt im dritten Video selbst, er wäre vermutlich verärgert, wenn jemand sein eigenes Projekt so früh vorführte.
ProgrammWas im Test gingWas noch nicht gingVideo
PhotoCraftPSD-Datei mit allen Ebenen öffnen, Kurven mit Maske, Pinsel auf der Maske, Photoshop-Tastenkürzeleinen vorhandenen Text zunächst nicht editierbar, Vorschau beim Bearbeiten in geringer Auflösung1, ab 04:13
LightCraftDNG-Rohdaten entwickeln, Lightroom-Presets importierenRohformat einer neuen Panasonic-Kamera, Himmelserkennung schwächer als bei Lightroom, Filmkorn wirkt unrealistisch1, ab 08:20
FilmCraft5K-Material in 10 Bit abspielen, Proxys, Keyframesruckelt, für den Tester das schwächste der drei im ersten Video1, ab 15:03
VectorCraftPfadwerkzeug, Boolesche Operationen, Text in Pfade, Verläufeeinzelne Ankerpunkte verschieben (er fand keinen Weg und schließt einen Bedienfehler nicht aus)2, ab 05:09
EffectCraftlange Effektliste, schnelles Motion TrackingImport einer gewöhnlichen H.264-Datei2, ab 13:32
GridCraftDiagramme, die sich mit den Daten ändern, Summen, Duplikate entferneneinzelne Fehler bei Diagrammtitel und Farbschema3, ab 08:30
WordCraftVorlagen, Tabellen, Bilder einfügenKursivschrift schaltet sich von selbst ein, Textumfluss scheitert3, ab 02:53
DeckCraftFolien, Animationen, ÜbergängeSekunden Verzögerung in der Präsentation, ein Absturz mit Wiederherstellung3, ab 12:43

Sein Gesamturteil fällt zweigeteilt aus. Die Adobe-Alternativen überraschen ihn, er hatte Ausschuss erwartet und nennt mehrere davon brauchbar. LightCraft habe für viele Nutzer keinen weiten Weg mehr bis zum Lightroom-Ersatz. Die Office-Programme, eine Woche jünger, hält er für deutlich unfertiger. Und im zweiten Video sagt er deutlich, dass das für Profis noch lange nicht reicht.

Das Team sieht das genauso. Im README von PhotoCraft steht: "it is not yet a Photoshop replacement for daily professional work". Es fehlten KI- und generative Funktionen, rund zwanzig Werkzeuge, Tiefe bei Typografie und Profi-Abläufen und die Kompatibilität mit Plug-ins. DeckCraft beziffert sich selbst auf etwa 79 Prozent der PowerPoint-Funktionen, der Breite nach. Was solche Zahlen wert sind, schränkt das PhotoCraft-README gleich selbst ein: Dass jeder Menüpunkt angeschlossen sei, messe die Verdrahtung, nicht das Verhalten.

Was neu ist und was nicht

Freie Alternativen zu teurer Software gibt es seit Jahrzehnten. GIMP, Inkscape, Blender und LibreOffice sind die bekanntesten. Neu sind drei Dinge.

Das Tempo. PhotoCraft hat seit dem ersten Commit am 30.09. über 1.100 Commits bekommen, mehr als hundert am Tag. Der Tester berichtet von einem neuen Build etwa alle 24 Stunden.

Die Breite. Nicht ein Programm, sondern eine ganze Produktlinie, und nach einer Woche die nächste. Das war bisher der Kern dessen, was ein Konzern einem kleinen Team voraushatte.

Die Bauweise. Jedes Craft-Programm bringt von Anfang an eine Schnittstelle für KI-Agenten mit. Laut README läuft in PhotoCraft jeder Menüpunkt über eines von mehr als 500 Kommandos, und dieselben Kommandos stehen der Oberfläche, der Kommandozeile und einem MCP-Server offen. Im zweiten Video lässt der Tester Claude Code darüber EffectCraft steuern: Farbraum umwandeln, seine Nase im Bild verfolgen, einen Text einsetzen. Es klappt.

Der dritte Punkt macht aus dem Nachbau eine Alternative. Die Programme sehen aus wie ihre Vorbilder, sind aber anders gedacht: als Werkzeug, das ein Mensch und ein Agent gleichermaßen bedienen. Die etablierten Suiten rüsten das nach, Adobe etwa seit Juni mit seinem Creative Agent.

Dass ArtCraft kein Einzelfall ist, zeigt ein Projekt aus derselben Woche. Ein Entwickler hat den TypeScript-Compiler von Sprachmodellen nach Rust portieren lassen und beschreibt im README von ts-rust die Rechnung: Tokens im Gegenwert von rund 24.000 Dollar zu API-Preisen, verbraucht in zwei Wochen mit Claude Opus 5.5 über seine Abos. Dazu der Satz: "I've never read a line of this code."

Was Demokratisierung hier heißt

Ein Team um einen Entwickler mit 15 Jahren Erfahrung ist nicht "jeder". Darum geht es auch nicht. In einer Demokratie wird nicht jeder Bundeskanzler, aber es gibt keine Erbfolge mehr. Demokratisierung heißt in dieser Serie: Niemand muss eine Firma um Erlaubnis oder Budget bitten, um an einem solchen Problem zu arbeiten. Wer das Können und den Antrieb hat, kann anfangen. YouTube hat dasselbe mit Unterhaltung gemacht. Die wenigsten bauen einen großen Kanal auf, aber es hindert sie kein Sender mehr daran.

Dazu kommt die Lizenz. Die Craft-Repos stehen unter freien Lizenzen: laut GitHub Apache 2.0, die READMEs von PhotoCraft und DeckCraft nennen wahlweise auch MIT. Wenn das Team morgen aufhört oder eine Richtung einschlägt, die den Nutzern nicht passt, kann jeder den Code nehmen und weitermachen. Forken ging immer. Mit Agenten wird es für wenige Leute tragbar. Dass andere einsteigen, ist schon zu sehen: PhotoCraft zählt nach zehn Tagen 168 Beitragende, 5.488 Forks und 147 offene Pull Requests. Bei einer geschlossenen Suite gibt es diese Möglichkeit gar nicht.

Screenshot: PhotoCraft-README, github.com/storytold/photocraft (Oktober 2026), MIT oder Apache 2.0. Das gezeigte Kunstwerk ist gemeinfrei.

Was dagegen spricht

Die These ist bequem, und nach zehn Tagen lässt sie sich nicht widerlegen. Vier Einwände halten wir für stark, dazu kommt eine offene Rechtsfrage.

Erfahrung lässt sich nicht in Wochen nachbauen

Das sagt der Tester selbst am Ende des zweiten Videos: Funktionen könne KI schnell bauen, Jahrzehnte an Rückmeldungen der Nutzer und an Tests habe Adobe trotzdem voraus. Zum Zeitvorteil der Großen gehören auch die Jahre, in denen Nutzer Fehler gemeldet und Wünsche geäußert haben.

Eine freie Alternative hat noch keinen Konzern erledigt

Im dritten Video rät er von den Office-Nachbauten ab. Wer Microsoft Office nicht bezahlen wolle, solle LibreOffice nehmen, das sei ausgereift und habe eine Gemeinschaft hinter sich. Das stimmt, und es ist ein Argument gegen unsere eigene Titelfrage: LibreOffice gibt es seit vielen Jahren, und Microsoft ist nicht verschwunden. Spannend sind die Craft-Programme dort, wo es bisher keine gute freie Alternative gab. After Effects ist für den Tester so ein Fall. Und unter Linux, wo es die Adobe-Programme gar nicht gibt, zählt für ihn die gewohnte Bedienung.

Pflegen ist nicht dasselbe wie bauen

PhotoCraft hat nach zehn Tagen knapp 500 offene Issues, die offenen Pull Requests nicht mitgezählt. Bei so junger Software ist das kein Makel, es zeigt vor allem, wie viele Leute sie ausprobieren. Es zeigt aber auch, was an Rückmeldung abzuarbeiten ist. Ob vier Leute mit Agenten zwölf Programme über Jahre sicher und kompatibel halten, weiß niemand, auch das Team nicht. Der offene Code mildert das Risiko, er beseitigt es nicht.

Das Werkzeug gehört jemand anderem

Der ts-rust-Entwickler berichtet, er habe zuvor mit Modellen eines anderen Herstellers Tokens im Gegenwert von über 400.000 Dollar zu API-Preisen verbraucht und sei nie über etwa 84 Prozent Kompatibilität gekommen. Mit dem anderen Modell ging es in zwei Wochen. Das ist ein einzelner Erfahrungsbericht. Er deutet aber an, dass es bei Vorhaben dieser Größe darauf ankommen kann, welches Modell man hat, und damit auf den Anbieter. Ob das auch mit offenen Modellen geht, ist eine der Fragen für die nächsten Teile.

Und dann ist da das Recht

Das PhotoCraft-README nennt das Projekt einen "clean-room"-Nachbau, entstanden "from public specs and observed behaviour only", und trägt einen Hinweis, dass es mit Adobe nichts zu tun hat. Futurism schreibt nach einem Gespräch mit dem Mitgründer von Reverse Engineering. Der Tester schließt sein erstes Video mit der Vermutung, Adobe werde jemanden verklagen. Eine Reaktion der Hersteller haben wir bis zum 10.10.2026 nicht gefunden. Was an bestehender Software geschützt ist und was nicht, bekommt in dieser Serie einen eigenen Teil.

Wer braucht noch Konzerne?

Für weniger, als man vor einem Jahr dachte. Für eine erste Fassung eines großen Funktionsumfangs braucht es offenbar keine tausend Entwickler mehr. Das ist die Nachricht aus diesen zehn Tagen, und sie bleibt wahr, auch wenn ArtCraft in einem halben Jahr eingeschlafen sein sollte.

Für alles andere braucht man sie vorerst weiter. Das ist kein Vorwurf an zehn Tage alte Vorabversionen, sondern der Stand von heute: Man braucht sie für Programme, die im Berufsalltag nicht abstürzen, für Farbmanagement, das in der Druckerei hält, für Support, Haftung und die Gewissheit, dass es das Produkt in fünf Jahren noch gibt. Der Kommentar vom Anfang müsste ehrlicher lauten: People used AI to build an alternative. Ersetzt ist noch niemand.

Was das für euch heißt, hängt davon ab, auf welcher Seite ihr steht:

  • Wenn ihr Software einkauft: Kündigt nichts. Aber merkt euch den Fall für die nächste Verlängerung. Ein Anbieter, dessen Preis sich vor allem damit begründet, dass es sonst niemand bauen kann, hat ein Argument weniger.
  • Wenn ihr Software baut: Der Funktionsumfang allein schützt euer Produkt nicht mehr. Fragt euch, was eure Nutzer hält, wenn es morgen einen freien Nachbau gibt. Und schaut euch an, wie die Craft-Programme für Agenten gebaut sind. Das ist die Stelle, an der die Neuen etwas haben, was die Alten nachrüsten müssen.
  • Wenn ihr unter Linux arbeitet: Die Adobe-Programme gibt es dort nicht. Jetzt entstehen Alternativen mit der gewohnten Bedienung, die sich unter Linux aus dem Quellcode bauen lassen. Für den Produktiveinsatz ist es zu früh, zum Ausprobieren nicht.

In den nächsten Teilen geht es um die drei Wege, die sich hier öffnen: Software für den eigenen Bedarf selbst bauen statt lizenzieren, freie Alternativen und was sie mit dem Open-Source-Ökosystem machen, und die Frage, was ein Produkt noch schützt, wenn der Code es nicht mehr tut. Die Zahlen aus der Tabelle oben erheben wir in drei und in sechs Monaten noch einmal. Dann wissen wir mehr darüber, ob David nur gut werfen kann oder auch durchhält.

Quellen13