Workflow

Zoom raus: Der KI delegieren statt diktieren

Wer der KI jeden Schritt vorgibt, macht die teure Arbeit selbst. Wie du mit Ziel und klaren Fertig-Kriterien delegierst, in Claude Code und Claude Design.

Diesen Freitag ist bei uns der dritte Vibe Coding Day. Ein Tag, an dem Kolleginnen und Kollegen aus Entwicklung und Fachbereich mit KI-Agenten echte Sachen bauen. Wie das beim ersten Mal lief, steht in unserem Erfahrungsbericht. Diesmal habe ich einen zehnminütigen Impuls vorbereitet, und der hat nur einen einzigen Gedanken: Zoom raus.

Der Anlass ist ein Muster, das mir bei den ersten beiden Tagen immer wieder begegnet ist. Und bei mir selbst übrigens auch.

So sieht es oft aus

Zwei Verläufe, nachgestellt, aber sehr nah an der Realität. Zuerst eine Entwicklerin in Claude Code:

Chat mit Claude Code
DU

Mach einen Button "Speichern".

DU

Jetzt noch in Blau.

DU

Jetzt noch einen onClick-Handler.

DU

Jetzt noch ein POST an /api/save.

DU

Jetzt noch eine Fehlermeldung, wenn es schiefgeht.

DU

Jetzt noch einen Spinner beim Laden.

Und ein Kollege aus dem Fachbereich in Claude Design:

Chat mit Claude Design
DU

Mach die Überschrift größer.

DU

Jetzt noch linksbündig.

DU

Jetzt noch ein anderes Grau.

DU

Jetzt doch wieder zentriert.

DU

Jetzt wie vorher, nur ohne Rahmen.

Eine Stunde später steht ein Formular. Beide Verläufe folgen demselben Muster, nur auf unterschiedlicher Flughöhe. Und in fast jedem Prompt steckt das Wort "jetzt". Das kommt am Ende nochmal.

Die KI als verlängerte Tastatur

Was passiert da eigentlich? Wer so arbeitet, hat das Problem im Kopf längst zerlegt. Was soll das Ding tun, in welcher Reihenfolge, mit welcher Technik. Übrig bleibt für die KI nur das Tippen. Schneller als du, zugegeben. Aber eben Tippen.

Das machst duDas macht die KI
Ziel verstehenTippen
Problem zerlegen
Lösung entwerfen
Jede einzelne Entscheidung treffen

Tippen war nie der Engpass. Teuer ist das Denken davor. Und genau das behalten wir bei uns, das Billige geben wir ab. Falsch herum.

Warum wir das trotzdem tun

Ich sehe vier Gründe. Der letzte ist unbequem.

Gewohnheit. Viele von uns haben jahrelang selbst getippt, und die erste KI-Generation im Editor hat Zeilen ergänzt. Da gewöhnt man sich an, in Zeilen zu denken.

Kontrolle. Kleine Schritte fühlen sich sicher an. Nach dreißig davon hat aber niemand mehr den Überblick, am wenigsten die KI.

Misstrauen. Man gibt nur ab, was man dem Gegenüber zutraut. Wer die KI noch nie eine ganze Aufgabe hat machen lassen, weiß schlicht nicht, dass sie das kann.

Wir wissen es selbst nicht. Wer kleinteilig promptet, muss nie sagen, was er eigentlich will. Der nächste Schritt ist immer offensichtlich, das Ziel nicht.

Was es kostet

Erstens bist du der Flaschenhals. Die KI wartet auf dich, nicht umgekehrt. Dein Denk- und Tipptempo begrenzt alles.

Zweitens bleiben bessere Wege ungenutzt. Die KI kennt oft Lösungen, an die du nicht gedacht hast. Wenn du das Wie vorgibst, kann sie keine davon vorschlagen.

Drittens frisst jeder Mini-Schritt Kontext. Anthropic schreibt in den Best Practices für Claude Code sinngemäß, dass das Kontextfenster die wichtigste Ressource ist und die Leistung nachlässt, je voller es wird. Dreißig Runden "jetzt noch" füllen es mit Kleinkram.

Viertens, und das ist der Kern: Am Ende steht genau das Design, das du dir vorher ausgedacht hast. Schneller getippt, aber nicht besser.

Ein Anliegen, fünf Flughöhen

Was "Zoom raus" heißt, zeigt am besten eine Höhenleiter. Das Anliegen bleibt immer gleich: inaktive Accounts aufräumen. Nur die Flughöhe ändert sich.

StufeFlughöhePrompt
0Tastatur"Schreib eine Schleife über alle User und prüf das Datum vom letzten Login."
1Funktion"Schreib eine Funktion, die alle User zurückgibt, die seit 90 Tagen nicht eingeloggt waren."
2Feature"Bau eine Admin-Seite mit einer Liste inaktiver User und einem Löschen-Button."
3Problem"Admins sollen inaktive Accounts schnell finden und aufräumen. Fertig heißt: Ein Admin sieht in unter einer Minute alle Accounts ohne Login seit 90 Tagen und kann sie mit Rückfrage löschen. Schlag mir einen Weg vor, bevor du baust."
4Ziel"Hier ist unser Tagesziel und der Kontext. Plane, stell Fragen, bau, teste. Meld dich an Weggabelungen."

Stufe 2 sieht ordentlich aus. Aber auch dort habe ich bereits entschieden, dass es eine Liste mit Löschen-Button wird. Erst auf Stufe 3 sage ich, wer welches Problem hat und woran man erkennt, dass es gelöst ist, und lasse mir den Weg vorschlagen. Vielleicht kommt dann ein Vorschlag, den ich nicht hatte, etwa Accounts nach 180 Tagen erst anzuschreiben, statt sie direkt zu löschen.

Stufe 3 ist ein guter Standard für den Alltag. Stufe 4 ist etwas für Mutige, und dafür sind Tage wie der Vibe Coding Day da.

Grob heißt nicht vage

Hier lauert das größte Missverständnis. "Zoom raus" heißt nicht "sei ungenau".

PromptClaude Code · Nicht grob, sondern leer

Mach mir eine App fürs Team.

Das ist nicht grob. Das ist leer. Grob sein heißt: grob im Wie, aber präzise im Was, im Warum und vor allem im "Fertig heißt". Dafür hilft ein kleiner Auftragszettel mit vier Zeilen.

ZeileFrage dahinterBeispiel
Was (das Ergebnis)Was soll am Ende gehen, das vorher nicht ging?Urlaubsanträge stellen, genehmigen, Übersicht sehen.
Warum (der Kontext)Für wen, welches Problem, was gibt es schon?Das Team verliert Zeit mit Excel-Listen. Single Sign-on gibt es schon, also kein eigenes Login.
Fertig heißt (die Prüfung)Woran erkennen wir beide, dass es reicht?Ein Antrag dauert unter zwei Minuten. Genehmigung per Klick. Tests grün, App startet.
Wie (überlass ich dir)Wie viel Freiheit bekommt die KI?Schlag mir einen Weg vor, bevor du baust. Frag, wenn du unsicher bist.

Zusammengesetzt sieht das so aus:

PromptClaude Code · Auftrag auf Stufe 3

Unser Team verliert Zeit mit Excel-Listen für Urlaubsanträge. Ich möchte eine kleine App, in der man Urlaub beantragt, die Teamleitung genehmigt und alle eine Übersicht sehen. Ein Login-System brauchen wir nicht, wir haben Single Sign-on.

Fertig heißt: Ein Antrag dauert unter zwei Minuten. Die Genehmigung geht mit einem Klick. Die Tests sind grün und die App startet.

Schlag mir einen Weg vor, bevor du baust. Frag nach, wenn dir etwas unklar ist. Und sag mir ehrlich, wenn du etwas davon für eine schlechte Idee hältst.

Wer das "Fertig heißt" sauber formulieren kann, hat den größten Teil des Prompts schon geschrieben. Das Wie ist der Teil, den die KI oft besser kann, wenn man sie lässt.

Der Kollegen-Test

Ein einfacher Filter vor dem Abschicken: Würdest du das so einer erfahrenen Kollegin sagen? Einer, die ihr Handwerk beherrscht, aber euer Projekt heute zum ersten Mal sieht?

Du würdest ihr nicht diktieren, welche Schleife sie schreiben soll. Du würdest ihr sagen, was rauskommen soll, was zu beachten ist, wann sie fertig ist und wann sie dich fragen soll. Dann lässt du sie arbeiten.

Prompten ist also Delegieren. Die Fähigkeiten dafür sind keine Tipp-Fähigkeiten, sondern das, was jeder kennt, der je eine Aufgabe übergeben hat: Auftrag klären, Rahmen setzen, loslassen, abnehmen. Wer aus dem Fachbereich kommt, hat hier keinen Nachteil. Eher im Gegenteil, denn in Codezeilen denkt man dort nicht.

Die Analogie hinkt an manchen Stellen. Als Frage vor dem Absenden funktioniert sie trotzdem erstaunlich gut.

Wie weit raus? Nur so weit, wie du prüfen kannst

Damit aus "Zoom raus" nicht "Augen zu und durch" wird, gibt es eine Grenze nach oben. Sie heißt Prüfbarkeit. Du darfst so grob delegieren, wie du das Ergebnis noch beurteilen kannst.

Das kannst du meist selbst abnehmenDas kannst du oft nicht abnehmen
  • Läuft es? Startet die App, sind die Tests grün?
  • Tut es das Richtige? Einmal durch den Fall aus "Fertig heißt" klicken.
  • Sieht es aus wie gedacht? Ein Screenshot reicht.
  • Sicherheit, Datenschutz, Geldflüsse
  • Fachgebiete, in denen du selbst nicht urteilen kannst
  • Alles, was erst in drei Monaten auffällt, etwa ein schiefes Datenmodell

Die Regel dazu: Delegiere nichts, was du nicht abnehmen kannst. Dort gehst du eine Stufe runter, lässt dir den Plan Schritt für Schritt erklären oder holst jemanden dazu, der prüfen kann. Das Beispiel mit den inaktiven Accounts gehört halb in die rechte Spalte, denn beim Löschen von Personendaten spielt auch die DSGVO mit.

Das ist kein Widerspruch zu dem, was wir in Der Agent spielt, du bist jetzt Co-Trainer beschrieben haben. Dort geht es darum, einen vorauslaufenden Agenten an Entscheidungspunkten anzuhalten, damit die Prüfung möglich bleibt. Hier geht es darum, beim Auftrag nicht auf Zeilenebene zu kleben. Beides läuft auf dieselbe Frage hinaus: Kann ich beurteilen, was da gerade entsteht?

Und nicht jede Aufgabe braucht den großen Auftrag. Anthropic empfiehlt, die Planung zu überspringen, wenn sich die Änderung in einem Satz beschreiben lässt. Einen Tippfehler korrigierst du weiterhin direkt. Auch das Hilfe-Center zu Claude Design rät, mit Layout und Inhalt anzufangen und dann schrittweise zu verfeinern. Das passt zusammen: Kleine Korrekturen am Schluss sind in Ordnung, wenn vorher klar ist, was am Ende rauskommen soll.

Fünf Handgriffe zum Ausprobieren

Das Prinzip ist schnell erklärt. Die Umstellung im Kopf dauert länger. Diese fünf Handgriffe helfen dabei. Die meisten funktionieren in Claude Code und Claude Design gleichermaßen.

1. Lass dich zuerst interviewen

Bevor eine Zeile Code entsteht, soll die KI dir Fragen stellen. Die Fragen, die dann kommen, sind oft genau die, die du dir selbst nicht gestellt hast. Auch Anthropic empfiehlt das für größere Features ausdrücklich.

PromptClaude Code oder Claude Design · Interview

Bevor du etwas baust: Stell mir Fragen, bis du das Problem verstanden hast. Frag nicht das Offensichtliche, sondern das, woran ich vermutlich noch nicht gedacht habe.

2. Hol dir drei Wege

Statt den Weg vorzugeben, lass dir Optionen zeigen. Die Entscheidung triffst du trotzdem selbst.

PromptClaude Code oder Claude Design · Optionen

Schlag mir drei Wege vor, mit Vor- und Nachteilen. Empfiehl einen und begründe kurz, warum.

3. Erst Plan, dann Code

In Claude Code schaltest du mit Shift+Tab durch die Modi, bis unten "plan mode on" steht. Dann liest Claude Dateien und schlägt einen Plan vor, ändert aber nichts, bis du zustimmst. Plan lesen, korrigieren, dann erst bauen lassen. Claude Design hat keinen eigenen Plan-Modus, stellt laut Anthropic aber von sich aus Rückfragen, wenn Informationen fehlen. Dort bittest du im Chat zuerst um einen Vorschlag für Aufbau und Inhalt, bevor Claude auf der Canvas losbaut.

PromptClaude Code oder Claude Design · Plan

Schreib mir einen kurzen Plan. Noch nichts ändern.

4. Gib eine Prüfung mit

Sag der KI, woran sie selbst merkt, dass sie fertig ist. Wenn sie Tests laufen lassen und die App starten kann, schließt sie die Schleife ohne dich. Anthropic nennt das den Unterschied zwischen einer Session, der man zuschaut, und einer, von der man weggehen kann.

PromptClaude Code · Prüfung

Fertig heißt: Die Tests sind grün, die App startet, und du zeigst mir einen Screenshot vom Ergebnis.

5. Lass sie laufen

Der schwerste Punkt. Nicht nach jeder Datei eingreifen. Du prüfst das Ergebnis, nicht den Prozess. Und während die KI arbeitet, denkst du über das nächste Problem nach, statt zuzuschauen, wie Dateien entstehen.

PromptClaude Code oder Claude Design · Laufen lassen

Mach fertig und meld dich, wenn du an einer Weggabelung stehst.

Wer mit Claude Code entwickelt, sollte noch eine Sache kennen: Alles, was du in jedem Prompt wiederholst, also Stack, Konventionen und Tabus, gehört einmal in die Datei CLAUDE.md im Projekt. Die liest Claude zu Beginn jeder Session.

Wenn es schiefgeht, nicht flicken

Es wird schiefgehen. Die Frage ist nur, wie du reagierst. Der Reflex ist, zurück auf Stufe 0 zu gehen und Zeile für Zeile nachzubessern: Farbe stimmt nicht, Import fehlt, doch die andere Tabelle, mach das rückgängig. Zehn Korrekturen später hast du einen Flickenteppich und einen Chatverlauf voller Widersprüche.

In Claude Code leert /clear den Verlauf. Das deckt sich mit Anthropics eigener Empfehlung: Wer Claude in einer Session mehr als zweimal zum selben Problem korrigiert hat, sollte neu starten, mit einem besseren Prompt, der das Gelernte schon enthält. Das fühlt sich wie Verschwendung an, ist aber fast immer schneller.

Dazu eine steile These, die nicht jedem schmeckt: Code ist Wegwerfware geworden. Was die KI in zehn Minuten gebaut hat, baut sie in zehn Minuten neu. Der Instinkt, jede Zeile zu retten, stammt aus einer Zeit, in der Zeilen teuer waren. Gemeint ist ausdrücklich der Code von eben, nicht euer Produktivsystem.

Die Spielregel: der "Jetzt noch"-Stopp

Vertrauen in ein Werkzeug ist keine Einstellung, die man beschließt. Man muss es üben. Niemand gibt eine große Aufgabe ab, der nie erlebt hat, dass das funktioniert. Deshalb gebe ich am Freitag eine einzige Spielregel mit, und die kannst du genauso gut an deinem Schreibtisch ausprobieren:

  1. Du ertappst dich dabei, "Jetzt noch ..." zu tippen? Hände weg von der Tastatur.
  2. Frag dich: Was ist das eigentliche Ziel? Woran erkenne ich, dass es fertig ist?
  3. Formulier den ganzen Auftrag, mindestens auf Stufe 3.
  4. Zähl deine "Jetzt noch"-Prompts. Eine Strichliste reicht.

Und such dir eine Aufgabe, die dir zu groß vorkommt, um sie abzugeben. Gib sie komplett ab, mit Ziel und "Fertig heißt", und prüf das Ergebnis. Entweder du staunst, oder du lernst, wo deine Grenze liegt. Beides ist mehr, als du vorher wusstest.

Wer tiefer einsteigen will, wie aus einzelnen Aufträgen irgendwann ein strukturierter Arbeitsablauf wird, findet in Von Vibe Coding zu Agentic Engineering den nächsten Schritt.

Quellen3